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Heute ist Chloe genau drei Wochen alt, und ich habe immer noch nicht über die Erlebnisse von der Geburt in der UCSF Klinik berichtet. WordPress hat meinen Beitrag zweimal verschwinden lassen, aber wahrscheinlich war das ganz gut. Ein guter Freund von mir hat mir den Tipp gegeben „Wenn Du Dich über jemand ärgerst, schreib ihm eine E-Mail, erkläre genau, was Dir nicht gefällt und wie sauer Du bist. Und wenn Du fertig bist, löscht Du einfach die E-Mail“. Meine Blog-Software hat mir geholfen, diesen Ansatz bei den Geburtserfahrungen anzuwenden.

Auch drei Wochen später finde ich, dass Chloe und ich die Geburt sehr gut hinbekommen haben, allerdings weniger dank der Unterstützung der UCSF Klinik, sondern trotzdem. 

Die Erfahrungen in der Klinik haben meine schlimmsten Erwartungen übertroffen, und ich hatte schon drei Gründe, nicht zu optimistisch zu sein: Die Kommunikation zur Terminabsprache lief bei allen Krankenhäusern, mit denen ich gesprochen habe, über Call Center ab, und die Damen am Telefon vermittelten den Eindruck, schnell aufzulegen statt weiterhelfen zu wollen. Und ich habe den Dokumentarfilm „Sicko“ von Michael Moore über das amerikanische Gesundheitssystem vor ein paar Jahren mit Interesse gesehen. Natürlich habe ich ihn nicht Ernst genommen. Soso, dachte ich mir, da polarisiert Moore mal wieder. Drittens gab es Einwände von Freunden und Familie, so eine Geburt in den USA sei schon sehr mutig. San Francisco ist ja nicht gerade dritte Welt, dachte ich mir, hier ist doch alles so innovativ und fortschrittlich, außerdem sind Geburten ja nun wirklich weltweit sehr verbreitet, was soll schon passieren?

Es passierte dann aber doch Einiges, das ich in einer Mängelliste festhalten will:

27.10.2014, 20:40 Wir kommen auf der Geburts-Etage an. Ein Schild an der geschlossenen Tür sagt, die Öffnungszeit ende um 20:30. Es gibt keine Klingel (nicht, dass ich mir nicht Zutritt verschafft hätte, ich hatte nämlich das Gefühl, es sei dringend).

27.10.2014, 20:45 Etwa 10 Schwestern stehen im Gang und unterhalten sich aufgeregt über die World Series, morgen werden die San Francisco Giants im Endspiel sein, wir werden nicht beachtet. Die Dame an der Rezeption ordnet etwas hinter der Theke, nachdem sie festgestellt hat, dass ich nicht im System eingetragen bin (war ich aber).

27.10.2014, 20:47 Ich habe das Gefühl, das Chloe sofort kommt und will eine PDA, die Wehen kommen alle zwei Minuten, und sind gelinde gesagt unangenehm. Ich versuche der Dame an der Rezeption auf die Sprünge zu helfen, indem ich mich laut stöhnend an ihrer Theke festhalte und in die Knie gehe. Es beeindruckt sie nicht, nach wie vor werden wir behandelt, als würden wir in einem voll ausgebuchten Hotel nach einem Zimmer fragen.

27.10.2014, 20:49 Eine Schwester im Giants-Shirt führt mich in ein 3×3 Meter Untersuchungszimmer. Abdellah geht parken, und ich finde, er sollte mich nicht allein lassen. Die Giants-Schwester gibt mir ein schickes Nachthemd und einer Art Thrombose-Strumpf, den ich über den Bauch ziehen soll. Daran will sie einen Wehenschreiber befestigen. Sie will noch einiges mehr, aber ich verstehe die Abkürzungen, die sie verwendet nicht. Sehr gerne misst sie den Blutdruck. Das macht sie alle 15 Minuten den ganzen Abend lang. Dann geht sie, um die Ärzte zu holen, wie sie sagt. Ich ziehe schnell den unerträglich engen Schlauch aus. Ich brauche keinen Wehenschreiber und hoffe, dass mein Mann zurück ist, bevor das Baby kommt.

27.10.2014, 20:55 Mein Mann ist da, und ich habe inzwischen eine relativ angenehme Position für Wehen gefunden: ähnlich wie Windsurfen: Ich halte mich am Griff eines Medizinschrankes fest, und lehne mich möglichst locker zurück. Angenehm ist übertrieben, der Gedanke an die PDA hält mich aufrecht. Inzwischen sind auch zwei Hebammen gekommen, die ich für Ärzte halte, übrigens während der gesamten Geburt. Mann und Frau, interessanter Weise. Sie machen keinen Ultraschall, sondern ertasten die Lage von Chloe’s Köpfchen. „Ich habe das Gefühl, ich müsste nur pressen, und schon ist sie da“ sage ich. Das können die beiden verstehen. Der Kopf ist weit unten, der Muttermund geöffnet. Ob ich noch eine PDA wolle? Unbedingt! sagte ich. Eigentlich wollte ich auch einen Darmeinlauf, damit es eine saubere Geburt wird, aber der war nicht im Angebot. Die Giants-Schwester zieht los, um den Narkosearzt zu holen.

27.10.2014, 20:57 Der Narkosearzt ist nicht verfügbar. Aber es sei ja sowieso nicht mehr lange, und Lachgas wäre auch sehr wirksam, sagt mir die Hebamme, die ich für eine Ärztin halte.

27.10.2014, 20:58 Auf in den Kreissaal! Die Giants-Schwester schiebt mein Bett vor eine geschlossene Tür, leider hat sie keinen Schlüssel. Aber das ist kein Problem, wir können außen herum gehen. Eine Kollegin, die gerade vorbei kommt, hilft ihr schieben, und was für ein Glück, die zweite Tür ist auf!

27.10.2014, 21:00 Der Kreissaal hat bis auf den Namen keine Ähnlichkeiten mit dem, was ich bei der Krankenhaustour gesehen habe. Ein großer, kalter Raum, die Fenster sind mit einer Folie beklebt, so dass man nicht herausschauen kann, grelles Neonlicht. „Wo sind die Kopfhauben? Wir haben keine Kopfhauben mehr!“ ruft die Giants-Schwester.

27.10.2014, 20:02 Nur der Gedanke an das Lachgas hält mich aufrecht. Ich probiere es. Bin aber überhaupt nicht sicher, ob es irgendwie wirkt. „Soll ich pressen?“frage ich die Hebammen-Ärzte. Sie stimmen zu. Im Raum begrüßt sich verschiedenstes Personal, erkundigt sich nach dem gegenseitigem Wohlbefinden und den Erwartungen bezüglich des morgigen sportlichen Großereignisses.

27.10.2014, 20:05 Ich starre in die Neonlichter, und stelle fest, dass ich von Idioten umgeben bin und die Geburt allein machen muss. Zum Glück habe ich eine sehr gute Vorbereitung, ein pränatales Yogavideo von Gurmukh. Ich habe es so oft gemacht, dass ich es auswendig kann. Ich höre ihre ruhige Stimme in meinem Kopf „there is nothing wrong with contractions“ und atme zu dem Worten „Satnam“. Ich spüre, wie Chloe weiter nach unten rutscht. Es tut ganz schön weh, aber man kann wirklich mit atmen etwas erreichen.

27.10.2014, 20:24 Ich spüre etwas festes und presse mehr, jetzt ist die Fruchtwasserblase geplatzt. Dafür bekomme ich, also meine untere Hälfte, etwas Aufmerksamkeit. Anscheinend ist das Wasser verfärbt, erklärt mir mein Mann, naja, das hatten wir bei Claire auch schon.

27.10.2014, 20:30 Ab und zu bekomme ich wertvolle Ratschläge: ich solle atmen und pressen. Ich glaube, ich kann sie jetzt rauspressen, sage ich. Dann versuchen wir es doch! Stimmt mir die Hebammen-Ärztin zu.

27.10.2014, 20:33 Chloe ist da. Ich konnte alles sehen. Es ging viel einfacher als gedacht, ohne Dammschnitt etc. Mein kleines Mädchen wird kurz abgewischt, dann bekomme ich sie. Ich bin überglücklich, aber ich finde es zu kalt für Chloe. Sie wird schon wieder weggenommen für die erste Untersuchung am anderen Ende des Raumes. Ich bitte meinen Mann, nachschauen zu gehen, mir kommt hier alles ein bisschen seltsam vor. Jetzt freue ich mich auf ein gemütliches Bett mit meinem Mann und Chloe: Bonding time!

Gerade angekommen!

Gerade angekommen!

27.10.2014, 20:45 Nix mit Bonding time! Wir sollen noch 2-3 Stunden im kalten Kreissaal bleiben, damit die Giants-Schwester alle 15 Minuten Blutdruck und Puls messen kann. Die Prozedur ist recht aufwendig, weil die Messgeräte nicht funktionieren. Sie stöpselt dann die Manschette um bis es passt.

27.10.2014, 22:00 Chloe reagiert auf ihre Umgebung und entleert Darm und Blase. Sie hatten ihre keine Windel angezogen, und die Spuren sind deutlich sichtbar und nass auf meinem Nachthemd. Ich bekomme kein frisches Nachthemd angeboten, auch die Notwendigkeit, Chloe sauber zu machen und anzuziehen wird nicht gesehen. Also bitte ich die Giants-Schwester.

27.10.2014, 22:15 Ich darf meinen Pyjama anziehen, denn es gibt hier nicht noch eines von diesen schicken Nachthemden. Chloe wird am anderen Ende des Raums fertig gemacht, Abdellah muss mit zur Aufsicht, und ich schlendere auch zu ihnen. Halt, Sie brauchen einen Rollstuhl! sagt die Giants-Schwester. Brauche ich nicht „Ist Ihnen nicht schwindelig?“ nein. „Gibt es hier eine Toilette?“ frage ich. Sie deutet auf eine Tür. Während ich meine Blase entleere klopft sie immer wieder, ob alles in Ordnung sei. Dann will sie wissen, wie viel Urin ich gelassen habe. 200 ml! ist meine spontane Schätzung, und sie ist zufrieden.

27.10.2014, 22:30 Chloe schreit wie am Spieß, während die Schwester sie puckt. Als sie endlich fertig ist fällt ihr ein, dass sie eine Fußfessel anlegen muss, wegen Chloe’s Sicherheit. Also macht sie alles wieder auf und legt die Fußfessel an. Chloe protestiert. Sie wird sich sowieso an nichts erinnern, sagt die Schwester. Aber ich, denke ich. Chloe’s Ausstattung vom Krankenhaus: eine Mütze, ein Body, der ihr drei Nummern zu groß ist, und eine Windel, in die sie gepuckt wird. Ich sorge dafür, dass es wenigstens drei Windeln werden, es ist sehr kalt.

27.10.2014, 22:40 Chloe hat die Fußfessel verloren, wir machen das Programm noch mal.

27.10.2014, 23:30 Wir erfahren, dass auf der Geburts-Etage kein Zimmer mehr frei ist (keines der schönen, die ich auf der Tour besichtigt habe), das sei aber kein Problem, wir könnten ein Zimmer auf der Neurologie haben. Chloe wird wieder ausgewickelt, und ihre Fußfessel abgenommen. Diese Sicherung funktioniert nur in der Geburtenabteilung. Ich solle mir aber keine Sorgen machen, wir bekämen einen Sicherheitsbeamten vor die Tür gesetzt. Ich will lieber gleich nach Hause, aber auch in den USA gibt es die Vorschrift, dass das Kind nach 24 Stunden wieder untersucht werden muss, außerdem müsse Temperatur und Puls stündlich kontrolliert werden. Wir bleiben, ich schätze, das ist die entspanntere Variante.

27.10.2014, 24:00 Wir haben das hässlichste Zimmer, das ich je gesehen habe. Ein langer Schlauch mit Neonbeleuchtung, keine Handtücher im Bad, die Hälfte der Lichter ist kaputt, ein großer Computer mit nervig beleuchtetem Bildschirm, in den die Schwestern den Befund eingeben, ein riesiger Fernsehbildschirm vor meinem Bett mit komplett verzerrten Bild. Ich darf Chloe nicht aus dem Zimmer tragen, nur in ihrem Bett transportieren. Das Bett ist eine Plastikwanne, deren Ecken schon abgesplittert sind, die auf einem Stahlgestell steht.

28.10.2014, 00:00 – 07:00 Wir sollen uns ausruhen, werden aber stündlich untersucht. Dafür haben wir eine sehr nette Schwester auf der Station, die sogar erklärt, was sie macht. Auf Anfrage bekomme ich Wasser, eine Tee- oder Kaffeeküche gibt es nicht. Ich komme mir vor wie bei einem Verhör, weil ich jede Stunde eine Fragebogen am Computer ausfüllen muss. Mein Schmerzpegel von 1-10, Krankheiten in meiner Familie, ob ich stark geblutet hätte, ob ich mir schon über Verhütung Gedanken gemacht hätte. Ich frage nach Windeln und Wickeltisch. Daraufhin bekomme ich ein paar Windeln und Wischtücher und den Hinweis, ich solle Chloe in ihrem Bettchen wickeln. Außerdem bekomme ich alle sechs Stunden eine Ibuprofen. Jedes Medikament, dass ich nehme, wird auf meinem Armband eingescannt, ich trage noch ein weiteres Armband auf dem „Allergy“ steht, nachdem ich angegeben hatte, ich hätte vermutlich eine Penicillin-Allergie. Auf Anfrage bekomme ich Handtücher. Ab und zu schauen Leute herein, um sich das Ergebnis der „German Efficiency“ anzuschauen.

28.10.2014, 09:00 Ich habe einen Mordshunger und hätte gern einen Kaffee. Automatisch bekomme ich gar nichts. Schließlich frage ich die Schwester. Sie entschuldigt sich und bringt mir ein paar Flyer von Lieferservices. Lieferzeit eine Stunde, da warte ich lieber auf Abdellah. Er kommt, berichtet, wie gut alles mit Claire geklappt hätte, auf die unsere Nachbarin über Nacht aufgepasst hatte. Ich freue mich, und dann kuscheln wir mit Chloe. Ich will entlassen werden, aber von wegen! Erst müssen die 24 Stunden um sein, frühestens ginge es also ab 22 Uhr, das sei aber nur schwer möglich. Also zwei Nächte im Krankenhaus. Niemand bietet mir an, in die Geburtsstation zu gehen, um dort zu stillen, zu wickeln oder die Küche zu benutzen. Erst durch einen Spaziergang mit Claire entdecke ich, dass es eine riesige Cafeteria im Krankenhaus gibt, so dass ich mich wunderbar versorgen kann.

28.10.2014, 11:30 Abdellah muss wieder los, mit Claire zum Kinderarzt, danach kommen die beiden zu mir und Chloe.

28.10.2014, 14:00 Abdellah und Claire bringen Sandwiches und Salat mit. Ich habe seit 24 Stunden nichts gegessen und bin begeistert! Claire findet ihre Schwester ganz toll, aber mein Bett viel interessanter, hier kann man so viele Knöpfe und Hebel drücken! Dann findet sie, es wird Zeit, dass ich mich um sie kümmere, in dem sie ganz bewusst Quatsch macht (wenn gar nichts klappt, beginnt sie sich sämtliche Sachen in den Mund zu stecken). Abdellah und ich tauschen Mädels – er schläft mir Chloe, Claire und ich spielen auf den Gängen fangen. Arme Mitpatienten der neurologischen Abteilung! Aber wir werden mit viel Wohlwollen betrachtet, trotz des Lärms. Die meisten Leute, denen wir begegnen, schauen das Giants-Spiel auf ihren Smartphones. Ich bin, was das betrifft, verstimmt – wie kann man ein bisschen Baseball spannender finden als meine Tochter!

28.10.2014, 20:00 Eine Schwester in der Ausbildung übt, Blut aus Chloe’s Ferse abzunehmen. Nur, dass sie mir nicht sagt, dass sie noch in der Ausbildung ist. Das erschließt sich mir erst, als sie eine andere Schwester zur Hilfe holt, weil sechs Blutstropfen offensichtlich nicht so leicht zu kriegen sind. Ich frage, was los ist und bekomme einen Flyer, dass es sich hierbei um einen kostenlosen Pflichttest für Kinder, die in Kalifornien geboren werden, handelt. Nur, wenn es gegen die Religion verstößt, kann man davon befreit werden. Ob ich kurz mal zu den Mormonen wechsle? Aber Chloe wurde ja schon gestochen.

29.10.2014 06:00 – 11:00 Wir bekommen diverse Impfempfehlungen: Röteln, Masern, Windpocken für mich, Grippe und Hepatitis B für Chloe. Gegen meinen Einwand immer das gleiche Argument: Aber das machen XZ Prozent aller Mütter! Wo soll meine kleine Tochter, deren Immunsystem primär meins ist, mit Hepatitis B in Berührung kommen?

Zusätzlich werde ich in Babyversorgung geschult, wieder ein Fragebogen. Was machen Sie, wenn ihr Kind schreit: a) schütteln b) ihm etwas vorsingen c) es sanft in den Armen wiegen. Bevor der Bogen nicht angekreuzt ist, dürfen wir nicht gehen.

29.10.2014 08:00 Uhr Der Financial Advisor des Krankenhauses bespricht mit mir, wie wir mit der Rechnung verfahren sollen. Da meine Krankenversicherung keine Adresse in den USA hat, muss alles über mich abgewickelt werden. Ich bin gespannt, was der Spaß kostet. Eigentlich kann es nicht teuer sein, wir haben während des kompletten Aufenthalts keinen Arzt gesehen, und selbst mein Bett wurde ausschließlich von mir aufgeschüttelt und gemacht.

29.10.2014 11:00 Uhr Chloe’s Autositz wird genau inspiziert, wenn er nicht gut geheißen wird, dürfen wir nicht mit ihr gehen. Mein Mann kann die Schwester schließlich überzeugen, weil wir versprechen, dass wir sofort einen neuen Autositz besorgen werden.

Ich bin überglücklich mit unserem kleinen Mädchen zu Hause. Die Erfahrung im Krankenhaus war einfach schlecht, und zwar nicht das medizinische Know-how, daran hatten wir zum Glück keinen Bedarf. Sondern die komplette Abwicklung und die Haltung uns gegenüber: wir waren wirklich nur „Wieder eine Geburt“ und man musste eben die Checkliste Geburt an uns abarbeiten. Wir hatten eine sehr nette Stationsschwester und ein gutes Gespräch mit einer Stillberaterin, aber wenn ich die Standards in München mit denen in San Francisco vergleiche, bin ich wirklich schockiert.

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