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Claire’s Vater sagt, er sei halb Marokkaner, halb Franzose und halb Amerikaner. Seine Eltern sind aber ganze Marokkaner und leben in Rabat. Deshalb verbringen wir gerade eine Woche dort, wie sich das gehört. Manche Leute machen Urlaub im Schweigekloster, ich habe hier ganz ähnliche Ferien, denn ich spreche kein arabisch und nicht genug französisch, um mich unterhalten zu können. Das ist aber überhaupt kein Problem, denn hier geht es um Claire und ihren Vater. Ich muss nur physikalisch anwesend sein, damit das Bild komplett ist.

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Claire trifft hier ihren kleinen Cousin Elias, er ist zwei Monate jünger als sie, und die beiden verstehen sich auf Anhieb. Als Mütter sind Claire’s Tante und ich ziemlich ähnlich, wobei sie ihren Sohn nie bei 20 C ohne Mütze nach draußen lassen würde, und ich nie auf die Idee gekommen wäre, mein Baby im Autositz nicht anzuschnallen.
Claire’s Tante hat eine Apotheke, und weil ich nichts besseres zu tun habe, passe ich einen Vormittag auf die beiden auf. Inklusive Spaziergang mit Claire im Tragegurt und Elias im Kinderwagen, was nicht zu verachten ist, weil es kaum brauchbare Bürgersteige gibt. Nach einem Spielplatzbesuch habe ich den Wunsch nach einem Geschwisterchen für Claire auf unbestimmte Zeit verschoben: Wir saßen friedlich zusammen im Sand, als Claire zu weinen anfing und Elias kopfüber in den Sand kippte: das ganze Gesicht inklusive Auge war voll Sand, Claire schrie natürlich immer noch. Diagnose: eine volle Windel und einen Fall für die Badewanne. Nur durch die Hilfe meines Freundes sah Elias wieder halbwegs sauber aus, als seine Mutter nach Hause kam.

Claire und ich verdrücken uns jeden Tag für einen langen Spaziergang und entdecken die Stadt. Rabat mit Baby ist interessant, weil alle Leute sehr nett zu uns sind. Fremde Menschen auf dem Weg küssen sie, noch bevor ich dazwischen gehen kann, verschiedene Leute weisen mich darauf hin, dass sie nicht warm genug gekleidet ist, denn es ist Winter. Für mich nicht bei 20 C.

Wir beobachten den Verkehr. Der kategorische Imperativ gilt hier offensichtlich nicht und man fährt mit der Hupe so, wie man in Deutschland sein Licht anmacht. Verkehrsregeln spielen eine völlig untergeordnete Rolle, allerdings sorgt der Freiraum nicht für Freiheit, sondern für zähflüssigen Verkehr. Ich habe noch nie so flexible Fahrer gesehen, als Claires Großvater die Gegenspur benützte, wichen ihm die entgegen kommenden Fahrzeuge einfach aus.

Zu Hause bei Claires Großeltern geht es, wie so oft bei viel Familie, um Essen. Claires Großmutter kocht rund um die Uhr. Die Küche ist etwa auf dem Stand der 60er Jahre. Nicht etwa, weil das in Marokko so ist, sondern weil Neuanschaffungen mit einem Mann wie Claire’s Großvater mit so viel Ärger verbunden sind, dass man sie lieber lässt. Inschallah.

Wir hätten jederzeit Essen für zehn weitere Gäste. Gegessen wird trotz strahlendem Sonnenschein drinnen im Halbdunkel. Es gibt keine Teller, sondern verschiedene Schüsseln stehen auf dem Tisch aus denen man sich von der Hand in den Mund bedient. Das ist logistisch ungünstig, der Tisch sieht bald aus wie ein Schlachtfeld. Und es ist kaum möglich, dem Speichel der Tischgenossen aus dem Weg zu gegen.
Sterilisieren bzw. schön trinken kann ich das Ganze auch nicht. Aber Claire fühlt sich wohl, sie isst ja sowieso am liebsten mit den Händen, das marokkanische Brot findet sie ausgezeichnet, und ihre Großmutter ist eine unerschöpfliche Quelle. Und durch ihren Vater ist sie schließlich auch hier zuhause.

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