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Heute ist der fünfte Tag, den Claire und ich zu zweit verbringen, während ihr Papa und mein Freund geschäftlich in Europa unterwegs ist. Ich sah den anstrengenden Teil der Reise ganz bei meinem Freund: zweimal über zwölf Stunden Flug, neun Stunden Zeitverschiebung. Jetzt habe ich festgestellt: mein Part ist auch anstrengend.

Natürlich habe ich darüber nicht nachgedacht, bis eine Mutter beim Babyschwimmen nach meinem Freund fragte. Als ich sagte, er sei in Amsterdam, gab sie mir ihre Visitenkarte und meinte, sie wisse, wie hart das sei, und ich könne sie jederzeit anrufen. Über soviel Offenheit, Nettigkeit und Hilfsbereitschaft habe ich mich sehr gefreut. Hilfe würde ich natürlich nicht brauchen, aber so können wir uns bei Gelegenheit zum Brunch verabreden.

Mit Claire allein zu Haus

Mit Claire allein zu Haus

Beim abendlichen Baden fiel mir plötzlich auf, wie viel Verantwortung ich hatte. Was konnte nicht alles passieren! Meine Gedanken wechselten von Ertrinken über diverse Stürze -entweder Claire oder ich- bis hin zu Einbrechern und verschiedensten Krankheiten.

Das Problem war nicht das Alleinsein, wir hatten auch in München ab und zu ein paar Tage zu zweit verbracht. Aber dort habe ich Freundinnen, auf die ich mich absolut verlassen kann. Ich weiß, wo ich Ansprechpartner für welchen Notfall auch immer finde, und meine Eltern leben auch bloß 200 Kilometer entfernt. In San Francisco sah die Sache anders aus: ich habe genau drei Kontakte in meinem Telefon: mein Freund und zwei Mütter, die ich beide etwa dreimal in meinem Leben gesehen habe. Und irgendwo habe ich auch die Adresse unseres Kinderarztes. Ich sehe ganz klar noch Optimierungspotenzial bei mir als Mutter.

Die fünf Tage mit Claire waren auch noch in anderer Hinsicht interessant: So ist es also, wenn man alles allein machen muss. Bei mir heißt das im Klartext: alles mit links, denn die rechte Hand gehört Claire: Müll rausbringen, Wäsche hoch- und runtertragen, Staubsaugen. Dabei ist schon Milch einschänken aus einem Gallon mit links eine Herausforderung für mich! Sollte ich mal bei der Konzeption eines Geburtsvorbereitungskurses mitarbeiten, wird dringend zu regelmäßigem Hanteltraining mit vier bis sechs Kilo geraten. Und zwar mit sehr vielen Wiederholungen.

Meine Tochter ist der erste Mensch, der erkannt hat, wie schön es ist, mit mir zusammenzusein. Am Schönsten ist es auf meinem Arm, aber für ein, zwei Stunden lässt es sich auch im Tragegurt aushalten, für dreißig Minuten tut es auch ihre Schaukel. Allein ablegen hält sie für völlig indiskutabel, genauso im Kinderwagen. Wir haben das nie offiziell vereinbart, aber wenn mein Freund da ist, drücke ich ihm Claire schon oft in die Hand und gehe duschen, Zähne putzen, kochen, einkaufen, joggen – was auch immer. Mir war nicht klar, was für eine Riesenhilfe das ist!

Vielleicht sollte ich anfangen, Claire zu erziehen? Liebes Kind, Du bist jetzt fast fünf Monate alt, und jetzt kannst Du auch mal allein auf Deiner Decke spielen oder schlafen! Der erste Versuch war sehr laut. Ich saß neben Claire, streichelte sie immer wieder um sie zu beruhigen, gab ihr ihren Schnuller (den sie sich aus dem Mund nimmt und wegschmeißt) oder etwas zum Spielen in die Hand. Nach zwei Stunden schlief sie für etwa fünf Minuten. Den zweiten Versuch verschiebe ich, nachdem ich im Internet recherchiert habe, wie andere Mütter dazu stehen. Im Großen und Ganzen gilt es als grausam, nicht absout alles für sein Baby zu tun. Nur so könne es sich vertrauens- und liebevoll entwickeln. Ob die anderen Mütter das wirklich machen? Mir wäre das zuviel Fremdbestimmung, egal ob es sich bei dem Bestimmer um mein geliebtes Baby handelt. Ich genieße Claire, spiele viel mit ihr und versorge sie gerne. Aber ich habe auch noch eine Menge anderer Interessen, und das finde ich gut so.

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