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Dass ich von den SF City Guides begeistert bin, hatte ich schon geschrieben. Sofern unsere Tochter Claire einverstanden ist, werden wir immer wieder mit den City Guides San Francisco entdecken. Am Montag stand die Tour „Diego Rivera Mural at the Stock Exchange Tower“ auf unserem Programm.

y, Stock Exchange Tower

Treffpunkt Lobby, Stock Exchange Tower

Das war ein ziemlich riskantes Unterfangen, denn es handelt es sich dabei um eine Spezialtour mit Reservierung, und unsere 17 Wochen alte Tochter ist eher ein spontaner Mensch. Die Tour sollte um drei Uhr beginnen, nach meiner Milchmädchenrechnung musste unsere Tochter ungefähr zeitgleich Hunger bekommen.

Irgendwie werde ich auch im Stock Exchange Tower einen Platz zum Stillen finden, dachte ich mir. Und gegebenen Falls werde mich einfach nicht von den Leuten stören lassen, die es stört. Denn ich wollte das Riveras Fresko „Riches of California“ wirklich sehen. Vermutlich, da ich Diego Rivera bislang vor allem über Frida Kahlo kannte, und dann als einen Menschen, der sich durch Leidenschaft und Hingabe auszeichent. Positiv wie negativ: als genialer Künstler, als Kommunist und als unwiderstehlicher wie unverbesserlicher Frauenheld. Ich wollte sehen, ob die riesige Freskomalerei seine Intensität ausstrahlt.

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Diego Rivera: The Riches of California

Mein Freund, Claire und ich schafften es gerade noch rechtzeitig in die Lobby des Stock Exchange Towers. Hier trafen sich 25 Kunstinteressierte, und sobald wir ankamen, signalisiserte Claire, dass sie nicht besonders zufrieden sei. Mein Freund ging mit ihr im Wiegeschritt in der Lobby auf und ab, während ich unserem City Guide zuhörte, der uns ein paar spannende Hintergrundinformationen zu der Entstehung des Freskos gab: Wie kommt es, dass ein mexikanischer Kommunist 1931, als in einer Zeit, die von der Wirtschaftskrise geprägt ist, ausgerechnet einen Auftrag für die Gestaltung der amerikanischen Börse bekommt? Verantwortlich dafür war der Künstler Ralph Stackpole, der für die Inneneinrichtung des Stock Exchange Towers verantwortlich war – teils gestaltete er mit eigenen Werken, teils mit Hilfe renommierten Künster.

Diego Rivera hatte er zehn Jahre zuvor in Paris kennengelernt, und er war so überzeugt von ihm, dass er ihn gegen alle Einwände seitens der Politik durchsetzte. Schließlich hatte er das Argument, die Börse sei kein öffentliches Gebäude, und deshalb könne er rein nach ästhetischen Gesichtspunkten entscheiden. Nur die ersten drei Tage nach der Fertigstellung war das Fresko für die Allgemeinheit zuständig.

Für das Gemälde brauchte Diego Rivera vier Monate, in denen er täglich zwölf bis 14 Stunden arbeitete. Dafür bekam er 8.000 Dollar. Kein schlechter Lohn, zumal er die Gelegenheit als Hochzeitsreise mit Frida Kahlo nutze und für eine weitere, kleinere Arbeit.

Unser SF City Guide

Unser SF City Guide

Endlich standen wir vor dem Fresko. Unsere Tochter wurde still. Ich war beeindruckt. Einmal von der schieren Größe: Das Bild zieht sich über zwei Stockwerke inklusive Decke. Im Zentrum steht, ebenfalls übergroß, Calafia, eine fiktive Königin und Kriegerin, die ein Volk schwarzer Frauen auf der mysthischen Insel Kalifornien regierte. Um ihren Hals trägt sie eine Kette in Ährenform aus strahlendem Gold, ein Verweis auf den Reichtum des Landes: den fruchtbaren Boden und das Gold. Diese Fruchtbarkeit demonstriert sie mit ihrer linken Hand, während die recht auf die Bodenschätze verweist.

Das Fresko zeigt viele Quellen des Reichtums von Kalifornien, und das so detailliert, dass die Beschreibung meinen Blogeintrag sprengen würde. Einige der Figuren sind bekannt: Etwa ist einer der Herren am linken Bildrand James Marshall, der durch den Fund eines Goldnuggets bei Bauarbeiten den Goldrausch auslöste. Bei dem Herrn im Anzug neben ihn handelt es sich um den Pflanzenzüchter Luther Burbank. Diego Rivera und Frida Kahlo kannten ihn privat. Er hatte den Wunsch, nach seinem Tod unter einem bestimmten Baum begraben zu werden, damit ihn dessen Wurzeln aufnehmen können. Ob als Nahrung für den Baum, oder wegen des Weiterlebens von Burbank habe ich noch nicht herausgefunden. Jedenfalls malte Frida Kahlo ein Portrait von ihm, in dem sie diesen Wunsch berücksichtigte.

Frida Kahlos Portrait von Luther Burbank

Frida Kahlos Portrait von Luther Burbank

Nach einer knappen Stunde war die Führung vorbei. Mich hat das Fresko sehr beeindruckt, neben der Größe auch durch die leuchtenden Farben, die Detailreiche und die Statik. Und ich finde es erstaunlich, dass Rivera in der Börse auf Kapitalismuskritik verzichtet hat. Vielleicht seinem Freund Stackpole zuliebe?

Auf Claire hatte der Besuch eine beruhigende Wirkung: sie hatte den Gedanken an Milch völlig vergessen und schlief friedlich ein. Und ich habe mich gefreut: über dieses neue Stückchen San Francisco, und über Claire, mit der man schon eine Menge machen kann!

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